Rituale sind Anker im Leben


    Mit spitzer Feder …


    (Bild: zVg)

    Unsere Tage sind voller grosser und kleiner, bewusster und unbewusster Rituale: Die Tasse Tee am Morgen, ohne die der Start in den Tag holprig wäre. Ein ruhiger Moment des Innehaltens am Abend. Die Art, einander zu begrüssen – alle diese Gepflogenheiten folgen einem Ritual. Sie machen banale Dinge irgendwie besonders – und das brauchen wir in diesen Tagen wohl mehr denn je. Denn Rituale spielen als wiederkehrende, festgelegte Abläufe im Leben eine wichtige ordnende und strukturierende Rolle: Sie machen das Leben übersichtlicher. Sie begründen Gewohnheiten, sie sind Anker zum Festhalten. Und sie schaffen Verlässlichkeit und Vertrautheit. Rituale sind kleine Inseln im Alltag – für mich jedenfalls. Als ich in Kindertagen mit meinem kuscheligen, grossen Stoffhasen im Arm einschlief, liebevoll begleitet von meinen Eltern mit Liedern, Gebeten, der Gutenachtgeschichte, gab mir dies Halt und Geborgenheit. Der Hase existiert noch und hat einen festen Platz in meinem Schlafzimmer – und ab und zu schläft er noch bei mir. Rituale schaffen durch Verlässlichkeit Geborgenheit, Orientierung und fördern soziale Kompetenzen – besonders für Kinder.

    Rituale sind für mich in unserer hektischen Welt unheimlich wichtig – sie sind so quasi meine Überlebensstrategie, die meine innere und äussere Balance und meinen Seelenfrieden gewährleisten. Eben: Ohne Gott geht es nicht und ohne Rituale geht es ebenso nicht. Diese bewusst wiederholten, strukturierten Handlungen mit hoher symbolischer Bedeutung geben Sicherheit, Struktur und Halt im Alltag. Sie verbinden Menschen, stärken das Gemeinschaftsgefühl und helfen, Übergänge im Leben zu bewältigen. Sie reduzieren Stress, indem sie Vorhersehbarkeit schaffen. Mein Tagesablauf ist von vielen Ritualen geprägt. Ähnlich wie das Gebet setzen Rituale grosse Kräfte frei – darüber bin ich immer wieder aufs Neue erstaunt – und tragen mich mit positiver Energie durch den Alltag. Dazu gehören die morgendlichen Übungen für den Beckenboden, ein Schälchen Porridge und mein erstes Dankesgebet unter der Dusche. Danach bete ich erneut, bevor ich das Haus verlasse: Ich danke den göttlichen Mächten, und bitte um energetischen Schutz und einen guten Tag. Dieses Ritual ist mir so wichtig, dass ich schon einmal umgekehrt bin, wenn ich es vergessen habe – selbst auf die Gefahr hin, den Zug zu verpassen.

    Auch das morgendliche Schminken gehört dazu, besonders das Auftragen meines roten Lippenstifts, genauso wie das abendliche Abschminken. Ebenso unverzichtbar ist mein erster koffeinfreier Kaffee am Morgen, mit etwas Zucker. So ziehen sich meine Rituale wie ein roter Faden durch den Tag – kleine mentale Vitaminbomben. Ein besonderer Höhepunkt ist die Meditation am Mittag in der Kirche sowie das tägliche Anzünden einer Kerze. Es gehört für mich einfach dazu – ohne geht es nicht. Aber auch regelmässiges Räuchern, Kerzen, Düfte sowie das wöchentliche Putzen und Waschen gehören zu meinen Ritualen. Die Woche schliesse ich stets mit frischen Blumen ab: Am Freitag nach der Arbeit kaufe ich mir einen Strauss Tulpen – und ganz bestimmt immer auch eine Rose für mich. Ein ganz wichtiges Ritual ist zudem mein Seelen-Collage-Buch: Für mich ist dies ein Selbstausdruck ohne Worte. Meine Gefühle und Emotionen finden über Bilder, Farben und Formen einen Ausdruck. So schaffen ich Ordnung im Inneren und halte auch quasi «Wochenrückblick». Beim Zusammenstellen entsteht oft Klarheit – wie ein visuelles Sortieren von Gedanken. Das Schneiden, Kleben, Arrangieren wirkt beruhigend und bringt mich ins Hier und Jetzt. Dabei wähle ich bewusst Bilder, die mir Kraft geben, mich erinnern oder inspirieren. So kann ich auch sämtlich Erlebnisse verarbeiten und einordnen. Die Collagen helfen, Erfahrungen – auch schwierige – greifbarer zu machen und zu integrieren. Man könnte sagen: Eine Collage ist wie ein Spiegel meiner inneren Welt – aber einer, den ich selbst gestalte. Und Rituale sind der Rahmen, der mir Halt gibt und mir erlaubt, immer wieder bewusst zu mir selbst zurückzufinden.

    Herzlichst,
    Ihre Corinne Remund
    Verlagsredaktorin

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